Störungsticker:

Vom Bahnhof zur Stadt oder von der Schwierigkeit anzukommen

Braunschweig. Im Rahmen eines dreitägigen Workshops des Bundes Deutscher Architekten BDA Braunschweig haben vier Gruppen aus Architekten, Landschaftsarchitekten, Städteplanern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden der TU Braunschweig vier Vorschläge für den wichtigen städtischen Bereich um den Braunschweiger Hauptbahnhof und die Kurt-Schumacher-Straße. Als freie Projektszenarien zeigen die vier Vorschläge Chancen und Perspektiven einer modernen zukunftsfähigen Stadtentwicklung in Braunschweig. Der Ausstellung ist ab dem 10. November in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs Braunschweig zu sehen.

Historischer Rückblick

Erst kürzlich wurde der Braunschweiger Bahnhof auf Spiegel-Online zur abrisswürdigen Architektursünde gekürt. Denn er wird nur zu gern als Bauzeugnis einer ungeliebten Nachkriegsmoderne verteufelt. Dabei wird übersehen, dass nicht allein die euphorische Bautätigkeit aus den 1960er Jahren bis heute unsere Stadtbilder prägt. Auch in der NS-Zeit erlebten viele Städte umfangreiche Neugestaltungen, so auch Braunschweig Seit 1939/40 lag ein Entwurf vom Architekten Friedrich Wilhelm Kraemer zur städtebaulichen Einbindung eines neuen Hauptbahnhofs rund eineinhalb Kilometer südöstlich der Innenstadt vor. Ein Durchgangsbahnhof sollte den spätklassizistischen Kopfbahnhof in städtebaulich beengter Lage am heutigen Bankplatz ersetzen.

Bahnhofsuhr, Neubau 1960, Foto; Sina Rühland/Deutsche Bahn/Archiv

Kraemer sah eine breite Verkehrsachse vor, in etwa dem Verlauf der heutigen Kurt- Schumacher-Straße entsprechend, sie führte vom Augusttorplatz in leichtem Schwung auf die hohe Säulenhalle eines neuen Bahnhofs. Die westliche Flanke der Straße und Teilbereiche zum Grünraum des Viewegs-Gartens sollten Repräsentationsbauten besetzen. 1939 wurde mit der Umlegung der Gleisanlagen begonnen, die vorliegende Gesamtplanung nach 1945 fortgeschrieben. In den Nachkriegsjahren war der Neubau eines leistungsfähigen Durchgangsbahnhofs nun mit der Hoffnung auf eine wirtschaftliche Stärkung der Region Braunschweig als Schnittstelle zwischen West und Ost verbunden. Bis 1960 wurden das Bahnhofsgebäude und der Straßendurchbruch realisiert. Die Einweihung der Bahnhofsanlage stand dann schon unter den Vorzeichen einer Teilung Deutschlands im Jahr 1961, die Braunschweigs geopolitische Situation nachhaltig beeinträchtigte.

Abweichend vom Vorkriegsentwurf blieb die östliche Seite der Kurt-Schumacher-Straße zum Viewegs-Garten bis heute frei von Bebauungen. Die westliche Flanke schloss zwischen 1965 und 1972 das Ensemble aus Atrium-Hotel, den drei Iduna-Hochhäusern und dem Atrium- Bummel-Center. Der introvertierte Charakter und die topografisch erhöhte Lage des Einkaufszentrums verfestigten jedoch in ihrer bewussten Abwendung vom öffentlichen Straßenraum die Funktion der Kurt-Schumacher-Straße als reine Verkehrsachse, die für das reale Verkehrsaufkommen zudem nun überdimensioniert war. 1993 wurde das Bahnhofsgebäude unter Denkmalschutz gestellt.

Die Situation heute

Nahverkehrsbahnhof mit Bus und Straßenbahn. Foto: Sina Rühland

Die Probleme, die sich mit der Verlegung des Hauptbahnhofs aus der Innenstadt ergaben, wurden bis heute nicht befriedigend gelöst. Sie sind seit langem Anlass für Gutachten, Entwürfe oder studentische Wettbewerbe. So wurde 2012 auf Initiative der Verwaltungsspitze der Stadt Braunschweig ein Rahmenplan mit dem pragmatischen Prüfauftrag erarbeitet: Wie kann das Bahnhofsumfeld aufgewertet werden? Der studentische Wettbewerb der Göderitz-Stiftung für Universitäten im gesamten Bundesgebiet befasste sich 2014 mit einer Neuordnung des bisher ungeordneten Stadtquartiers südlich des Hauptbahnhofs. Der stadtbaugeschichtliche Hintergrund, die Ergebnisse des Rahmenplangutachtens sowie des studentischen Wettbewerbs flossen in den diesjährigen Workshop des Bundes Deutscher Architekten BDA Braunschweig ein.

Wie geht es weiter?

Dass Braunschweigs Zukunftsfähigkeit auch von seiner Willkommensgeste an diesem wichtigen öffentlichen Ort abhängt, ist allen Beteiligten bewusst. Die vier Arbeitsgruppen des Workshops des Bundes Deutscher Architekten BDA Braunschweig stellen deshalb ihre Konzepte nun öffentlich zur Diskussion und hoffen auf den vielfältigen Meinungsaustausch mit den Bürgern und allen Entscheidungsträgern der Stadt Braunschweig.

Quelle: regionalbraunschweig

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